Der vom Bundestag am 28. November 2025 beschlossene Bundeshaushalt 2026 umfasst 524,54 Mrd. Euro im Kernhaushalt und ist damit ein Rekordwert, der 21,5 Mrd. Euro über dem Vorjahr liegt. Zur Finanzierung ist im Kernhaushalt eine Nettokreditaufnahme von 97,97 Mrd. Euro vorgesehen; hinzu kommen rund 82 Mrd. Euro über die Sondervermögen für Bundeswehr und Infrastruktur, sodass die Gesamtneuverschuldung 2026 mehr als 180 Mrd. Euro erreicht – so hoch wie zuletzt nur in der Corona-Pandemie. Das Finanzierungsdefizit des Bundes von 98,1 Mrd. Euro liegt laut BMF-Sollbericht um 32,8 Mrd. Euro über dem vorläufigen Abschluss 2025. Gesamtstaatlich stieg der Schuldenstand bis Ende 2025 auf rund 2,84 Bio. Euro, ein Zuwachs von 144 Mrd. Euro gegenüber 2024. Die Schuldenquote kletterte damit auf 63,5 Prozent des BIP und dürfte 2026 nach Berechnung des Stabilitätsrates auf 66,5 Prozent steigen – deutlich über der Maastricht-Grenze von 60 Prozent. Zugleich wächst die Wirtschaft nur schwach: Der Sachverständigenrat rechnet im Frühjahrsgutachten 2026 lediglich mit 0,5 Prozent BIP-Wachstum, nach 0,2 Prozent im Jahr 2025. Der Befund ist damit eindeutig: Rekordausgaben und Rekordverschuldung treffen auf ein siebtes Jahr wirtschaftlicher Schwäche, während die Zinsausgaben des Bundes mit rund 34,1 Mrd. Euro bereits etwa 6,5 Prozent des Etats binden.
Den fiskalpolitischen Bruch markiert die Grundgesetzänderung, die der noch amtierende 20. Bundestag am 18. März 2025 mit 512 zu 206 Stimmen und Zweidrittelmehrheit beschloss. Erstens wurden Verteidigungsausgaben oberhalb von 1 Prozent des BIP – einschließlich Zivilschutz, Nachrichtendiensten und Ukraine-Hilfen – vollständig aus der Schuldenbremse ausgenommen. Zweitens wurde ein kreditfinanziertes Sondervermögen über 500 Mrd. Euro mit zwölfjähriger Laufzeit für zusätzliche Investitionen in Infrastruktur und Klimaneutralität bis 2045 verankert (Artikel 143h GG). Drittens erhielten die Länder in ihrer Gesamtheit einen strukturellen Verschuldungsspielraum von 0,35 Prozent des BIP. Politisch brisant war, dass die CDU/CSU unter Friedrich Merz eine Lockerung im Wahlkampf noch abgelehnt hatte, weshalb der FDP der Vorwurf des Wortbruchs erhoben wurde. Das Sondervermögen trat rückwirkend zum 1. Januar 2025 in Kraft, wurde aber erst mit Veröffentlichung im Bundesgesetzblatt am 2. Oktober 2025 operativ nutzbar. Vorausgegangen war eine lange Phase steigender Belastungen aus Corona-Rettungspaketen, der Energiekrise nach dem russischen Angriff 2022 und dem zwischenzeitlichen Zinsanstieg. In der Summe schätzten Ökonomen die aus Sondervermögen und Verteidigungsausnahme resultierende Mehrverschuldung schon zum Beschlusszeitpunkt auf mindestens 1 Bio. Euro.
Drei Ausgabenblöcke treiben die Verschuldung gleichzeitig. Erstens die Verteidigung: Der Verteidigungsetat (Einzelplan 14) umfasst 2026 rund 82,69 Mrd. Euro, ergänzt um 25,51 Mrd. Euro aus dem Bundeswehr-Sondervermögen; nach NATO-Abgrenzung meldet die Bundesregierung 124,7 Mrd. Euro, entsprechend 2,69 Prozent des BIP, mit dem Ziel von 3,5 Prozent bereits 2029. Zweitens die Sozialausgaben: Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ist mit 197,34 Mrd. Euro der größte Einzelplan und bindet knapp 38 Prozent des Haushalts, allein die Bundesmittel für die Rentenversicherung belaufen sich 2026 auf 127,4 Mrd. Euro. Drittens die Zinslast, die sich mit rund 34,1 Mrd. Euro auf historisch hohem Niveau stabilisiert und den Spielraum für Zukunftsinvestitionen einschränkt. Der zentrale Mechanismus dahinter ist die Demografie: Der Sachverständigenrat warnt, dass der demografische Wandel das potenzielle Arbeitsvolumen senkt und die Beitragssätze in Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung strukturell nach oben treibt. Hinzu kommt eine schwache Einnahmenbasis, denn die Einnahmen wachsen langsamer als die Ausgaben, was die hohe Nettokreditaufnahme überhaupt erst erklärt. Die Steuereinnahmen sollen 2026 zwar erstmals die Marke von 1.000 Mrd. Euro überschreiten, doch selbst bei Rekordeinnahmen entsteht eine Rekordneuverschuldung. Das Zusammenspiel dieser Treiber erzeugt eine fiskalische Pfadabhängigkeit, aus der die Politik nur über Wachstum oder Konsolidierung wieder herausfindet.
Das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) gliedert sich in 300 Mrd. Euro für den Bund, 100 Mrd. Euro für Länder und Kommunen sowie 100 Mrd. Euro für den Klima- und Transformationsfonds (KTF). Der Mittelabfluss läuft jedoch schleppend an: 2025 sollten 37,2 Mrd. Euro für Infrastrukturprojekte ausgegeben werden, tatsächlich waren es laut Finanzministerium nur 24 Mrd. Euro, während die Investitionen des Bundes insgesamt auf 87 Mrd. Euro stiegen und 2026 auf über 120 Mrd. Euro klettern sollen. Bei der Verteidigung ist ein Sprung des reinen Wehretats von 82,7 Mrd. Euro (2026) über 93,3 Mrd. Euro (2027) auf 136,5 Mrd. Euro (2028) und rund 152 Mrd. Euro (2029) eingeplant, was einer Verdreifachung gegenüber 2023 entspricht. Am Arbeitsmarkt setzt die Bundesregierung mit der zum Januar 2026 eingeführten Aktivrente und der Abschaffung des Vorbeschäftigungsverbots auf höhere Erwerbsanreize für Ältere. Eine neu eingesetzte Alterssicherungskommission soll bis Ende des zweiten Quartals 2026 Reformoptionen zur nachhaltigen Finanzierung der Rente vorlegen. Zur Entlastung der energieintensiven Wirtschaft senkt der Bund über Stromsteuersenkung, Abschaffung der Gasspeicherumlage und Netzentgeltzuschüsse die Kosten 2026 um rund 30 Mrd. Euro und führt für 2026–2028 einen Industriestrompreis ein. Zur Gegenfinanzierung sind Sparmaßnahmen bei Grundsicherung, Personal, Förderprogrammen und Entwicklungshilfe vorgesehen, deren fiskalische Größenordnung bislang jedoch begrenzt bleibt.
Der potenzielle Nutzen der Investitionsoffensive ist erheblich: Modellrechnungen des DIW beziffern den zusätzlichen BIP-Impuls des Sondervermögens auf bis zu 0,8 Prozentpunkte pro Jahr, sofern die Mittel tatsächlich fließen und die Projekte effizient umgesetzt werden. Genau hier liegt der Kernvorbehalt des Sachverständigenrates: Zusätzlichkeit und Investitionsorientierung seien in der aktuellen Finanzplanung gering, weil umfangreiche Mittel reguläre Haushaltsausgaben ersetzen und die Verausgabung oft nicht zielgenau erfolgt. Für die 100 Mrd. Euro an Länder und die 100 Mrd. Euro im KTF fehlen laut SVR bisher institutionelle Vorkehrungen zur Sicherung der Zusätzlichkeit. Folglich erwartet der Rat nur einen geringen Wachstumseffekt und rechnet damit, dass die Schuldenquote bis 2035 über 85 Prozent des BIP steigt. Kritiker verweisen zudem darauf, dass 2025 mindestens 86 Prozent der Mittel für bereits geplante statt neue Projekte verwendet worden seien – ein Vorwurf, dem das Finanzministerium widerspricht. Fiskalisch alarmierend ist eine Finanzierungslücke von rund 172 Mrd. Euro für die Jahre 2027 bis 2029, die die Regierung durch stärkeres Wachstum schließen will. Der wissenschaftliche Beirat des Stabilitätsrates warnte bereits vor einem übermäßigen Defizit 2026 und mahnte, den Anstieg der Schuldenquote zu begrenzen; gerechtfertigt seien Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur, nicht aber das Stopfen von Haushaltslöchern. Die volkswirtschaftliche Bilanz hängt damit vollständig an Umsetzungsqualität und Ausgabendisziplin.
Im Verschuldungsvergleich steht Deutschland mit einer Quote um 62 bis 63,5 Prozent noch günstiger da als die USA mit rund 124 Prozent des BIP, aber schlechter als Musterländer wie Estland mit 24,6 Prozent. Der Sachverständigenrat konstatiert dennoch, dass Deutschland seine Rolle als fiskalischer Stabilitätsanker in Europa verliert, während Staaten wie Irland, Luxemburg und die baltischen Länder die Maastricht-Vorgaben weiter einhalten. Bei den Verteidigungsausgaben liegt Deutschland 2026 mit 2,69 Prozent des BIP hinter Spitzenreitern wie Litauen (5,33 Prozent), Estland (5,1 Prozent) und Polen (4,68 Prozent) sowie hinter den USA (3,17 Prozent). Wettbewerblich gravierender ist die Erosion der Exportstärke: Die Warenexporte sind das dritte Jahr in Folge gesunken, und China entwickelt sich zunehmend zum direkten Konkurrenten der deutschen Industrie, dessen Exportpreise im August 2025 rund 17,3 Prozent unter dem Niveau von 2022 lagen, während die Euro-Raum-Exportpreise um 14,4 Prozent stiegen. Zusätzlich belasten höhere US-Zölle und die Euro-Aufwertung seit Anfang 2025 die Absatzchancen. Die Energiepreise im europäischen Gasmarkt liegen weiterhin deutlich über dem US-Niveau, was energieintensive Branchen im internationalen Wettbewerb strukturell benachteiligt. Die Standortschwäche ist damit nach SVR-Lesart nicht nur konjunkturell, sondern strukturell – ein Grund, warum Deutschland weniger vom globalen Wachstum profitiert als in früheren Jahrzehnten.
Die stärkste Zweitrundenwirkung geht von den Sozialversicherungsbeiträgen aus: Der Gesamtsozialversicherungsbeitrag liegt 2026 bei 42,3 Prozent und steigt nach SVR-Simulationen bei unveränderter Rechtslage auf 45,4 Prozent im Jahr 2030 und 49,7 Prozent im Jahr 2040. Höhere Beitragssätze mindern das verfügbare Einkommen der Haushalte und erhöhen die Arbeitskosten der Unternehmen, was Beschäftigungsaufbau und gesamtwirtschaftliche Leistung bremst. Der Rat schätzt, dass der steigende Beitragssatz das BIP bis 2035 gegenüber einem konstanten Satz um 0,5 bis 0,9 Prozent dämpft. In der Rentenversicherung sinkt die Nachhaltigkeitsrücklage bereits 2026 von 41,5 auf gut 32,4 Mrd. Euro, was rund 1,04 Monatsausgaben entspricht und den Puffer für Beitragsstabilität schrumpfen lässt; die Bundesagentur für Arbeit benötigt 2026 ein Bundesdarlehen von voraussichtlich 4,0 Mrd. Euro. Generationenpolitisch entfällt bei einer Bevölkerung von rund 83,5 Mio. Menschen eine rechnerische Pro-Kopf-Schuld von über 32.000 Euro. Die noch nicht abgerufenen Sondervermögen von über 1,2 Bio. Euro werden diese Last in den kommenden Jahren weiter erhöhen, samt der darauf anfallenden Zinsen. Zugleich verschieben die Sondervermögen Ausgaben aus dem regulären Haushalt in Schattenhaushalte, was die Transparenz der Staatsfinanzen mindert – eine legale, aber ökonomisch fragwürdige Praxis. Die Verteilungswirkung trifft damit vor allem künftige Beitrags- und Steuerzahler.
| Indikator | 2025 | 2026 | Mittelfrist / Ziel |
|---|---|---|---|
| Schuldenquote (% BIP) | 63,5 | 66,5 | ~80 (2029), >85 (2035) |
| Nettokreditaufnahme Kernhaushalt (Mrd. Euro) | 65,3 | 98,0 | Lücke 172 (2027–29) |
| Verteidigungsausgaben, NATO-Abgrenzung (Mrd. Euro) | rd. 95 | 124,7 | ~152 (2029) |
| Zinsausgaben Bund (Mrd. Euro) | rd. 30 | 34,1 | steigend |
| Gesamtsozialbeitrag (%) | rd. 42 | 42,3 | 45,4 (2030); 49,7 (2040) |
| Reales BIP-Wachstum (%) | 0,2 | 0,5 | 0,8 (2027) |
| Investitionen des Bundes (Mrd. Euro) | 87 | >120 | SVIK-Laufzeit 12 Jahre |
Die nächsten fünf Jahre entscheiden sich an einer einzigen Frage: Wird die schuldenfinanzierte Investitions- und Verteidigungsoffensive schnell genug in Produktivität und Wachstum übersetzt, um die parallel steigende Zins- und Sozialausgabenlast zu tragen? Die Ausgangsdaten mahnen zur Vorsicht – eine Schuldenquote auf dem Weg von 66,5 Prozent (2026) Richtung 80 Prozent (2029), ein Gesamtsozialbeitrag von 42,3 Prozent mit klarem Aufwärtstrend und ein Wachstum von nur 0,5 Prozent lassen wenig Puffer. Gelingt hohe Zusätzlichkeit des Sondervermögens plus strukturelle Sozial- und Angebotsreformen, kann Deutschland seinen Kapitalstock modernisieren und die Wettbewerbsfähigkeit stabilisieren. Misslingt die Umsetzung oder verfestigt sich der Energiepreisschock, droht der Übergang von einer verwalteten Schwäche in eine strukturelle Tragfähigkeitskrise. Ausschlaggebend werden Ausgabendisziplin im Kernhaushalt, die Effizienz des Mittelabflusses und die Bereitschaft zu unpopulären Sozialreformen sein. Der Report bewertet die 5-Jahres-Perspektive daher als leicht negativ, mit hoher Sensitivität gegenüber der politischen Umsetzung.