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Themen-Report · Verteidigungsausgaben 2025

Schuldenfinanzierte Verteidigungswende 2025: Konjunkturimpuls mit fiskalischer Hypothek

Die im März 2025 beschlossene Grundgesetzänderung nimmt Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben oberhalb von 1 Prozent des BIP dauerhaft von der Schuldenbremse aus und erlaubt damit faktisch unbegrenzte Kreditfinanzierung. Der Verteidigungsetat steigt von rund 86 Milliarden Euro (2025) auf über 108 Milliarden (2026) und geplante 152 Milliarden Euro (2029), um das neue NATO-Ziel von 3,5 Prozent des BIP zu erreichen. Kurzfristig entsteht ein spürbarer Nachfrage- und Industrieimpuls, doch niedrige Fiskalmultiplikatoren, hohe Importanteile, Kapazitätsengpässe sowie rasch steigende Zins- und Schuldenlasten stellen die volkswirtschaftliche Effizienz und die fiskalische Tragfähigkeit infrage. Für den Standort Deutschland ist die Maßnahme sicherheitspolitisch begründet, ökonomisch aber ein Impuls mit begrenztem Wachstumsertrag und wachsendem Konsolidierungsdruck.
leicht fördernd−10+10
Ausblick +2 · Skala −10 … +10 · Stand 09.07.2026
108,2 Mrd. €
Verteidigungsetat 2026 (Rekordwert)
3,5 % des BIP
NATO-Zielquote Deutschland 2029
66,5 Mrd. €
Zinsausgaben Bund 2029 (Verdopplung)
≈ 70 %
Schuldenquote 2029 (Bundesbank)
0,5–1,0
Fiskalmultiplikator Verteidigung
70.000
geplante Rheinmetall-Beschäftigte
Kernaussagen

Ausgangslage und Befund

Am 25. März 2025 traten Änderungen der Artikel 109, 115 und der neue Artikel 143h des Grundgesetzes in Kraft, die die Finanzverfassung so weitreichend umgestalten wie kein Schritt seit Einführung der Schuldenbremse 2009. Kern ist eine limitierte Bereichsausnahme: Sicherheits- und verteidigungspolitisch begründete Ausgaben – für Verteidigung, Zivil- und Bevölkerungsschutz, Nachrichtendienste, IT-Sicherheit sowie Hilfen für völkerrechtswidrig angegriffene Staaten wie die Ukraine – werden von der regulären Kreditobergrenze der Schuldenbremse ausgenommen, soweit sie einen Sockelwert von 1 Prozent des BIP überschreiten. Nur bis zu diesem einen Prozent müssen die Ausgaben regulär, also ohne zusätzliche Kredite, finanziert werden; alles darüber darf ohne weitere Beschränkung schuldenfinanziert werden. Damit ist der Verschuldungsspielraum für den Sicherheitsbereich nach oben faktisch offen, was Bank- und Forschungshäuser als 'weit geöffnetes Tor zur Neuverschuldung' beschreiben. Zur Einordnung: Die reguläre Schuldenbremse erlaubt dem Bund nur eine strukturelle Neuverschuldung von 0,35 Prozent des BIP. Das Analysehaus Bantleon schätzt, dass sich über die neue Klausel bei einem Zielniveau von 3,0 bis 3,5 Prozent des BIP Ausgaben von 2,0 bis 2,5 Prozent des BIP außerhalb der Schuldenbremse finanzieren lassen. Die Maßnahme ist damit klar von dem älteren, gedeckelten 100-Milliarden-Sondervermögen von 2022 zu unterscheiden, das voraussichtlich 2027 ausläuft.

Wie es dazu kam

Auslöser waren die russische Aggression gegen die Ukraine und die Neuausrichtung der US-Außenpolitik, die nach Einschätzung des BMF größere sicherheitspolitische Verantwortung Europas und insbesondere Deutschlands erfordern. Unter der bisherigen Schuldenregel war der fiskalische Spielraum im Einzelplan 14 stark eingeschränkt, und das Sondervermögen Bundeswehr hätte nicht ausgereicht, den notwendigen Fähigkeitsaufbau sicherzustellen. Das Kernproblem war absehbar: Das 2022 eingerichtete 100-Milliarden-Sondervermögen läuft voraussichtlich 2027 aus, sodass ab 2028 das NATO-Ziel vollständig aus dem Kernhaushalt hätte finanziert werden müssen – rund 30 Milliarden Euro zusätzlich, die die Regierung selbst als 'Handlungsbedarf' bezifferte. Das von SPD und CDU/CSU eingebrachte Finanzpaket wurde noch vom alten 20. Bundestag am 18. März 2025 mit den Stimmen von Union, SPD und Grünen beschlossen, weil im neuen Bundestag die für Grundgesetzänderungen nötige Zweidrittelmehrheit nicht mehr sicher war. Auf Druck der Grünen wurde die Bereichsausnahme über den reinen Wehretat hinaus erweitert und zusätzlich ein 500-Milliarden-Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität geschaffen. Der Bundesrat stimmte am 21. März zu, das Bundesverfassungsgericht verwarf mehrere Eilanträge gegen das Verfahren. Kritiker wie die Ökonomen Lucke und Meyer bemängeln, dass Fragen der Schuldentragfähigkeit im gesetzgeberischen Prozess kaum eine Rolle spielten.

Volumen und geplante Ausgabenpfade

Der Verteidigungsetat wächst in einem historisch beispiellosen Tempo: 2025 stehen im Einzelplan 14 rund 62,4 Milliarden Euro plus 24,1 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen bereit, zusammen rund 86 Milliarden Euro. Für 2026 hat der Bundestag am 26. November 2025 einen Wehretat von 82,69 Milliarden Euro plus 25,51 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen beschlossen – insgesamt über 108 Milliarden Euro, der höchste Wert seit Gründung der Bundesrepublik. Rechnet man die Ukraine-Hilfen von rund 11,5 Milliarden Euro hinzu, liegt Deutschland 2026 bei fast 120 Milliarden Euro. Die mittelfristige Finanzplanung sieht einen Sprung von 93,3 Milliarden Euro (2027) auf 136,5 Milliarden (2028) vor, sobald das Sondervermögen aufgebraucht ist, und rund 152 Milliarden Euro im Jahr 2029 – eine Verdreifachung gegenüber 2023. Die NATO-Quote steigt entsprechend von rund 2,4 Prozent (2025) über 2,8 Prozent (2026) und 3,0 Prozent (2027) auf 3,5 Prozent des BIP im Jahr 2029. Am stärksten profitiert die militärische Beschaffung mit einem Volumen von rund 47,9 Milliarden Euro im Jahr 2026, davon fast 15 Milliarden allein für Munition. Auf dem NATO-Gipfel in Den Haag im Juni 2025 verpflichteten sich die Bündnispartner zudem, die Ausgaben bis 2035 auf insgesamt 5 Prozent des BIP zu erhöhen (3,5 Prozent Verteidigung plus 1,5 Prozent verteidigungsrelevante Infrastruktur).

Volkswirtschaftliche Wirkung: Wachstum und Effizienz

Der kurzfristige Nachfrageimpuls ist messbar, aber begrenzt. Die KfW rechnet für 2026 mit einem fiskalpolitischen Wachstumsschub von rund 0,8 Prozent des BIP, die Bundesbank mit einem kumulierten Effekt von rund 1,3 Prozentpunkten bis Ende 2028, wobei die steigenden Verteidigungsausgaben besonders ins Gewicht fallen. Entscheidend ist der Fiskalmultiplikator: Die Literatur (Ilzetzki 2025) nennt eine Spanne von 0,6 bis 1,5, doch die KfW setzt für Verteidigung aufgrund hoher Importanteile und bereits hoher Kapazitätsauslastung der Rüstungsindustrie einen Wert deutlich unter eins an. Die Studie von Krebs und Kaczmarczyk kommt sogar auf einen Multiplikator von nur rund 0,5 und warnt, dass bei ausgelasteten Fabriken zusätzliche Mittel vor allem die Preise treiben statt die Produktion – und dass Rüstung nur geringe technologische Spillover-Effekte in die zivile Wirtschaft erzeugt. Das Kieler Institut sieht dagegen einen kumulativen BIP-Effekt von 0,9 bis 1,5 Prozent bei einem Anstieg von 2 auf 3,5 Prozent des BIP, warnt aber, dass steuerfinanzierte statt kreditfinanzierte Aufrüstung das Wachstum sogar negativ machen könnte. Die Potenzialeffekte bleiben nach Bundesbank-Modellrechnungen gering: rund 0,1 Prozent 2029 und 0,3 bis 0,4 Prozent 2035, teils sogar mit leichter Verdrängung privater Investitionen durch höhere Zinsen. Insgesamt ist der volkswirtschaftliche Ertrag pro eingesetztem Schulden-Euro damit niedriger als bei zivilen Infrastruktur- oder Bildungsinvestitionen.

Industrieeffekte und Arbeitsmarkt

Für die Verteidigungsindustrie wirkt das Programm als kräftiger Nachfrageschub. Rheinmetall steigerte den Umsatz 2024 auf rund 9,8 Milliarden Euro (plus 36 Prozent) und wies zum ersten Quartal 2026 einen Auftragsbestand (Backlog) von rund 73 Milliarden Euro aus – gegenüber nur 24,5 Milliarden Euro Ende 2021. Der Konzern plant, seine Belegschaft von rund 28.500 (2024) binnen weniger Jahre auf 70.000 zu verdoppeln, verzeichnete 2025 über 361.000 Bewerbungen und baut mit dem neuen Munitionswerk Niedersachsen Kapazitäten aus. Bemerkenswert ist der Arbeitskräftetransfer aus der kriselnden Automobilindustrie: Hensoldt und KNDS übernehmen jeweils hunderte Fachkräfte, Thyssenkrupp Marine Systems plant bis zu 1.500 neue Stellen in Wismar. Eine Studie von DekaBank und EY schätzt, dass ein Anstieg der Rüstungsausgaben Richtung 3 Prozent des BIP etwa 100.000 Industriearbeitsplätze schaffen oder sichern könnte. Dem stehen strukturelle Grenzen gegenüber: Die Fabriken sind bereits hoch ausgelastet, ein erheblicher Teil der Beschaffung entfällt auf Importe (etwa Rumpfteile für die F-35), und Unternehmer wie Papperger fordern verbindliche Abnahmegarantien, bevor sie in Kapazitäten investieren. Kritiker wie das IfW verweisen darauf, dass ein Wachstum der Rüstungsbranche zulasten ziviler Bereiche gehen und den privaten Konsum einschränken kann – ökonomisch also kein Selbstläufer ist.

Fiskalische Tragfähigkeit

Die zentrale Kehrseite ist die rasch steigende Verschuldung. Die Nettokreditaufnahme des Bundes lag 2025 bei 66,9 Milliarden Euro, für 2026 sind 89,9 Milliarden geplant, und die Finanzplanung sieht bis 2029 einen Anstieg auf 126,1 Milliarden Euro vor. Die kreditfinanzierten Sicherheitsausgaben allein wachsen von 32,1 Milliarden Euro (2025) auf 121,2 Milliarden Euro (2029). Die gesamtstaatliche Schuldenquote stieg 2024 auf 62,2 und 2025 auf 63,5 Prozent des BIP und dürfte nach Bundesbank-Szenario bis 2029 auf rund 70 Prozent klettern – deutlich über dem EU-Referenzwert von 60 Prozent. Besonders belastend sind die Zinsausgaben: Der Bundesrechnungshof warnt vor einer Verdopplung auf rund 66,5 Milliarden Euro bis 2029, in welchem Fall Zinszahlungen die Investitionsausgaben des Bundes übersteigen würden; der Ökonom Lars Feld hält langfristig Zinsausgaben bis zu 400 Milliarden Euro für möglich. Die Bundesbank hält die dauerhafte Ausnahme umfangreicher Verteidigungsausgaben von der Kreditgrenze für 'nicht nachhaltig' und empfiehlt einen dreistufigen Rückbau, in dem die Ausnahme ab 2036 vollständig entfällt. Hinzu kommt, dass der Bundeshaushalt trotz erweiterter Spielräume erhebliche Konsolidierungsbedarfe aufweist, die von 34 Milliarden Euro (2027) auf 74 Milliarden Euro (2029) – rund 1,5 Prozent des BIP – anwachsen.

Internationale Einordnung und Wettbewerb

Im europäischen Vergleich startet Deutschland von einer relativ komfortablen Position: Die Euroraum-Schuldenquote liegt bei rund 89 Prozent des BIP, Deutschland bei rund 63 Prozent, woraus eine niedrigere relative Zinslast resultiert. Ratingagenturen dürften nach Einschätzung von Marktanalysten das AAA-Rating vorerst halten, sofern ab Ende der 2030er Jahre wieder konsolidiert wird und der Großteil der Militärausgaben in den regulären Haushalt zurückkehrt. Auf EU-Ebene nutzt Deutschland – wie zwölf weitere Staaten – die nationale Ausweichklausel (NEC), die bis 2028 zusätzliche Verteidigungsausgaben von jährlich 1,5 Prozent des BIP von der Schuldenstandsanrechnung ausnimmt. Der deutsche Fiskalplan 2025–2029 und die Verteidigungsausnahme wurden von den EU-Gremien akzeptiert, wobei die Bundesregierung mit optimistischen Potenzialwachstumsannahmen (0,5 Prozent p. a.) arbeitet, die die Bundesbank kritisch sieht. Als zentraler Stabilitätsanker der Währungsunion steht Deutschland zugleich unter besonderer Beobachtung, weil hohe deutsche Neuverschuldung die Zinsen im Euroraum tendenziell erhöhen und andere hochverschuldete Staaten von der Konsolidierung abhalten kann. Der Wettbewerbsaspekt ist zweischneidig: Kurzfristig stützt die Staatsnachfrage die Industrie, doch steigende Sozialbeiträge und Zinslasten verteuern mittelbar den Standort.

Verteilungs- und Zweitrundeneffekte

Die Finanzierung erzeugt Nebenwirkungen, die die Standortkosten erhöhen. Die Bundesbank erwartet, dass der Sozialversicherungsbeitragssatz von heute 42,4 auf rund 44,25 Prozent steigt, der Rentenbeitrag von 18,6 auf 19,8 Prozent, sobald die Rücklagen der Rentenversicherung spätestens 2028 weitgehend aufgebraucht sind. Höhere Sozialbeiträge verteuern die Arbeit und belasten damit die Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich – ein Effekt, der den Wachstumsimpuls der Verteidigungsausgaben teilweise konterkariert. Kritisch ist auch die statistische Aufweichung des Investitionsbegriffs: Die Investitionsquote sackte 2024 von 11,9 auf 9,4 Prozent (2025) ab und erreicht die selbstgesetzte 10-Prozent-Marke nur, weil kreditfinanzierte Verteidigungsausgaben herausgerechnet werden. Beim parallelen Infrastruktur-Sondervermögen fließen laut Bundesbank nur rund 40 Prozent in tatsächlich zusätzliche Investitionen, der Rest entlastet bestehende Haushalte – ein Muster, das die Wachstumswirkung schmälert. Innerhalb der Rüstungsbranche profitieren vor allem etablierte Großkonzerne, während das ifo Institut warnt, dass mangelnder Wettbewerb und Hürden für KMU die Innovationsdynamik und Effizienz der Mittelverwendung bremsen. Die parlamentarische Kontrolle über komplexe Milliarden-Beschaffungen (etwa das 11-Milliarden-Funkprojekt oder das FCAS-Kampfflugzeug) gilt zudem als zunehmend schwierig, was das Risiko ineffizienter Mittelverwendung erhöht.

Verteidigungsausgaben, NATO-Quote und Fiskalkennzahlen 2024–2029 (Planwerte)

JahrVerteidigungsausgaben (Mrd. €)NATO-Quote (% BIP)Schuldenquote (% BIP)
2024≈ 71≈ 2,062,2
2025≈ 862,463,5
2026108,22,8≈ 65
2027≈ 1203,0≈ 67
2028136,53,3≈ 69
2029≈ 1523,5≈ 70
Verteidigungsausgaben Deutschland nach Jahr (inkl. Sondervermögen) (Mrd. Euro)
712024862025108202613620281522029

Szenarien

Basisszenario
Die Verteidigungsausgaben erreichen 2029 rund 152 Milliarden Euro bzw. 3,5 Prozent des BIP, die Schuldenquote steigt auf rund 70 Prozent. Der kumulierte Wachstumsimpuls beträgt gemäß Bundesbank rund 1,3 Prozentpunkte bis Ende 2028, bleibt aber wegen eines Multiplikators unter eins und hoher Importanteile begrenzt. Die Zinsausgaben des Bundes verdoppeln sich bis 2029 auf rund 66,5 Milliarden Euro, und Konsolidierungsbedarfe von bis zu 74 Milliarden Euro erzwingen ab 2027 Einsparungen an anderer Stelle. Das AAA-Rating bleibt erhalten, sofern ab Anfang der 2030er Jahre glaubwürdig konsolidiert wird. Der Standort verzeichnet einen moderaten Netto-Nutzen: Industrieaufschwung im Rüstungssektor bei gleichzeitig steigenden Arbeitskosten durch höhere Sozialbeiträge.
Aufwärtsszenario
Eine rasche Reallokation von Arbeitskräften und Kapital aus der Automobilindustrie führt zu einem schnellen Kapazitätsaufbau, der den Fiskalmultiplikator Richtung 1,0 bis 1,5 hebt. Beschaffungsreformen und wettbewerbsoffene Vergabe senken Preise und binden mehr KMU ein, sodass Wertschöpfung im Inland bleibt statt zu importieren. Standardisierte europäische Rüstungsprogramme erzeugen Skaleneffekte, und Rheinmetall erreicht seine Umsatzziele von 25 Milliarden Euro (2027) bzw. 50 Milliarden (2030). Das nominale BIP wächst kräftig genug, um die Schuldenquote trotz hoher Neuverschuldung nahe 70 Prozent zu stabilisieren. In diesem Fall entstünden bis zu 100.000 zusätzliche Industriearbeitsplätze und ein spürbarer, nachhaltiger Wachstumsbeitrag.
Abwärtsszenario
Anhaltend hohe Kapazitätsauslastung lässt zusätzliche Mittel vor allem in Preissteigerungen und Importe fließen, der Multiplikator verharrt bei rund 0,5. Steigende Renditen (Richtung 3,5 Prozent) und wachsende Schuldenberge treiben die Zinslast bis Ende der 2030er Jahre auf annähernd 190 Milliarden Euro; der ZEW-Ökonom Heinemann sieht die Schuldenquote bis 2040 auf 80 Prozent steigen. Sozialbeiträge über 44 Prozent und stagnierendes Wachstum verschärfen die Wettbewerbsschwäche des Standorts. Konsolidierungsdruck erzwingt Kürzungen bei Sozialleistungen und zivilen Investitionen, während ineffiziente Großprojekte Mittel binden. Die expansive Politik erzeugt dann Schulden ohne nennenswerten Wachstums- oder Fähigkeitsgewinn.

Handlungsoptionen

  1. Kreditspielräume strikt an zusätzliche Fähigkeiten bindenDie Bundesbank empfiehlt, zusätzliche Schulden enger an tatsächlich zusätzliche Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben zu koppeln, statt Spielräume zur Deckung allgemeiner Haushaltslücken zu nutzen. Dies würde verhindern, dass kreditfinanzierte Mittel konsumtive Ausgaben quersubventionieren, und die Wachstumswirkung pro Schulden-Euro erhöhen.
  2. Beschaffung reformieren und Wettbewerb öffnenDas ifo Institut betont, dass nur wettbewerbsorientierte, für KMU und Start-ups zugängliche Vergabeverfahren die Effizienz und Innovationsdynamik sichern. Eine Reform des Beschaffungsamts (BAAINBw) und beschleunigte Verfahren senken Preise und heben den effektiven Fiskalmultiplikator, statt Renten für etablierte Großkonzerne zu erzeugen.
  3. Verbindlicher Konsolidierungspfad ab 2030Die Bundesbank schlägt einen dreistufigen Rückbau vor, in dem die Verteidigungsausnahme schrittweise abgeschmolzen wird und ab 2036 entfällt, mit einer strukturellen Defizitquote von rund 1 Prozent als Ziel. Ein glaubwürdiger Pfad sichert das AAA-Rating, begrenzt Risikoprämien und hält die Zinslast beherrschbar.
  4. Importanteil senken, inländische Kapazität aufbauenDa hohe Importanteile den Multiplikator drücken, sollten Mittel gezielt den Aufbau inländischer und europäischer Produktionskapazitäten (Munition, Luftverteidigung, Drohnen) fördern. Abnahmegarantien mit Investitionsauflagen können privates Kapital mobilisieren und Wertschöpfung im Inland halten.
  5. Realistische Potenzialannahmen und Vorsorge für ZinsrisikenEine vorsichtige Finanzplanung sollte nicht auf optimistischen Wachstumsannahmen basieren; die Bundesbank schätzt das Potenzialwachstum bei nur rund 0,5 Prozent. Vorsorge für wieder steigende Durchschnittszinsen und transparente Ausweisung ausgelagerter Zinslasten (Sondervermögen) reduzieren fiskalische Überraschungen.

Zentrale Risiken

Ausblick

Über die nächsten fünf Jahre ist die schuldenfinanzierte Verteidigungswende sicherheitspolitisch begründet und liefert einen realen, aber begrenzten Konjunkturimpuls von rund 1,3 Prozentpunkten kumuliert bis 2028. Ökonomisch überwiegt jedoch die Ambivalenz: Ein niedriger Multiplikator, hohe Importanteile und geringe Spillover-Effekte stehen einer rasch steigenden Schuldenquote von rund 70 Prozent (2029), sich verdoppelnden Zinsausgaben und steigenden Sozialbeiträgen gegenüber. Den Ausschlag geben wird, ob es gelingt, inländische Kapazitäten effizient und wettbewerbsoffen aufzubauen, die Mittel tatsächlich fähigkeits- statt lückenorientiert einzusetzen und ab Anfang der 2030er Jahre einen glaubwürdigen Konsolidierungspfad einzuschlagen. Gelingt dies, bleibt der Standort trotz höherer Schulden robust und behält seine Top-Bonität; misslingt es, droht eine Kombination aus stagnierendem Wachstum, hoher Zinslast und verdrängten Zukunftsinvestitionen. Für den Standort Deutschland ist die Maßnahme damit per saldo leicht positiv, aber mit erheblichem Umsetzungs- und Tragfähigkeitsrisiko behaftet.

Quellen: Bundesministerium der Finanzen (BMF), Monatsberichte April 2025 und Januar 2026 · Deutsche Bundesbank, Monatsberichte August/November/Dezember 2025 sowie Studie zur Weiterentwicklung der Schuldenbremse · Deutscher Bundestag (Drucksachen 20/15096, 21/600; hib-Meldungen 2025) · Bundesrechnungshof, Gutachten zu Zinsausgaben des Bundes bis 2029 · ifo Institut, Schnelldienst 7/2025 · Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln), Policy Paper 2025 zur Umsetzung des Finanzpakets · Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW), Kiel Report Nr. 2/2025 (Ilzetzki) · Universität Mannheim (Krebs/Kaczmarczyk), Studie zu wirtschaftlichen Auswirkungen von Militärausgaben · KfW Research, Konjunkturkompass August 2025 · Europäische Kommission (nationale Ausweichklausel NEC), Statistisches Bundesamt/Destatis, bpb
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